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Kati beobachtete den Mann genau, der das Mädchen
am Ufer noch nicht bemerkt hatte. In seiner rechten Hand trug er
einen großen Becher mit einer dampfenden Flüssigkeit
und eingeklemmt unter der Achselhöhle seines linken Arms eine
zusammengerollte Zeitung. Er setzte sich direkt neben den Niedergang,
stellte den Trinkbecher auf dem Kajütdach ab und begann die
Zeitung zu lesen, während er in gleichmäßigen Zügen
an seiner Pfeife zog, sodass in regelmäßigen Abständen
abwechselnd aus dem Pfeifenkopf, dann aus seinem Bart blauer Rauch
zum Vorschein kam.
Ein klein wenig war Kati enttäuscht, denn sie hatte sich den
Besitzer der Segeljacht ganz anders vorgestellt. Ein großer,
schlanker Mann, so wie ihr Vater, gut gekleidet mit einer Kapitänsmütze
auf dem Kopf.
»Ach die Welt ist so ungerecht«, seufzte sie und bohrte
missmutig mit ihrem rechten Schuh im Sand. »Kann man mit dem
Schiff auch nach Amerika fahren?«, rief sie plötzlich
zur Segeljacht hinüber.
Kati war selbst über ihre Worte erschrocken, die sie laut hinausposaunt
hatte. Aber sie waren ausgesprochen und ließen sich nicht
mehr zurücknehmen.
Der Mann auf dem Boot blickte erstaunt auf. Erst jetzt hatte er
das Mädchen am Ufer wahrgenommen. War die Frage an ihn gerichtet
gewesen? Verdutzt schaute er zu Kati herüber, während
er seine Pfeife rauchte. Beide sahen sich einen kurzen Augenblick
schweigend an.
»Glaub schon«, sagte der Mann nach einer Weile, wobei
er die Pfeife für einen Moment aus dem Mund nahm. Sein Kopf
nickte zustimmend. Dann richtete er sich auf, stützte seine
Arme auf das hölzerne Schiffsgeländer seiner Jacht und
betrachtete Kati. Das Mädchen wurde verlegen, senkte seinen
Kopf und begann verunsichert mit seinem rechten Fuß den Sand
beiseite zu schieben.
»Was für eine dumme Frage«, dachte Kati beschämt.
Aber sie hatte über die Entdeckung Amerikas so spannende Bücher
gelesen. Von Eriksson dem Wikinger, von Christoph Kolumbus, dem
berühmten Seefahrer, und Kapitän James Cook, der Amerika
umsegelte und mit seinem Schiff bis in die Südsee gelangte.
Für Kati war dieser Kontinent gleichbedeutend mit Ferne, Abenteuer,
unbekannten Ländern, grenzenloser Weite. Und für sie wurde
ein Schiff erst zu einem richtigen Schiff, wenn es für eine
Seefahrt tauglich war, eine Seereise, zum Beispiel nach Amerika.
»Du möchtest also nach Amerika, nehme ich an?«,
hörte Kati den Mann fragen.
Sie hob ihren Kopf, schaute zum Segelschiff hinüber und zuckte
ein wenig die Schultern.
»Vielleicht, wenn ich ein Boot hätte!«
Die Reiselust des Mädchens schien den Mann sichtlich zu amüsieren.
»So, so, nach Amerika. Und du bist schon einmal auf einem
Segelschiff mitgefahren?«, schmunzelte er und paffte vergnüglich
seine Pfeife.
Kati schüttelte ihren Kopf. »Nein, noch nie!«,
rief sie. »Wie lange würde es denn dauern um mit einem
Segelboot dorthin zu segeln?«
Der Mann überlegte und zog dabei an seinen Barthaaren.
»Na, ich würde mal sagen, also von hier aus, zwei bis
drei Monate. Hängt ganz vom Wetter ab.«
»So eine lange Zeit«, dachte Kati. »Die Sommerferien
wären also zu kurz für eine solche Reise. Sie dauern ja
nur sechs Wochen.«
»Willst du dir mal die Einhorn anschauen?«, rief der
Mann zu ihr herüber.
Kati war sich nicht ganz sicher. Sollte sie wirklich hinüber
zum Schiff gehen? Eine solche Gelegenheit würde so schnell
nicht wiederkommen. Und was könnte sie heute Abend ihrer Freundin
erzählen. Britta würde sie sicherlich beneiden, wenn sie
erfährt, dass Kati auf einer Segeljacht gewesen war, während
sie den Nachmittag im überfüllten Freibad verbracht hatte.
Die Unsicherheit war schnell verflogen.
»Darf ich wirklich?«
»Ja sicher, komm nur rüber. Das Tor ist nicht abgeschlossen!«,
rief der Mann und deutete mit der Pfeife auf das kleine Eisentor,
das sich mitten auf der Brücke zum Schwimmsteg befand und mit
dessen Hilfe der Zugang zum Steg verschlossen werden konnte.
Kati lief am Uferrand des Hafenbeckens zur gegenüberliegenden
Böschung, dort, wo die schmale Brücke zum Schwimmsteg
hinunterführte. Das Tor war nur angelehnt und öffnete
sich quietschend, als sie es zur Seite drückte. Sie sprang
hinunter auf den Steg und nun waren es nur noch wenige Meter bis
zu ihrem Schiff. Langsam, ja ehrfurchtsvoll, näherte sie sich
der Segeljacht, die mit jedem Schritt größer wurde. Jetzt,
aus nächster Nähe, sah sie den mächtigen Kopf des
Fabelwesens, das den hoch aufsteigenden Bug zierte. Das gewundene
Horn war besonders kunstvoll geschnitzt. Mit ihrer rechten Hand
berührte sie zaghaft den Kopf des Einhorns. Das Holz war hart
und hatte eine tiefbraune Farbe. Kleine Wellen ließen den
Schiffsrumpf kaum merklich auf- und abwandern, doch für Kati
hatte es den Anschein, als ob das Fabelwesen ihr zunicken würde.
»Eichenholz, wie das ganze Schiff«, sagte die Stimme
über ihrem Kopf.
Kati schaute empor. Der Bootsbesitzer stand über ihr und streckte
seine rechte Hand aus.
»Darf ich der jungen Dame behilflich sein?«, fragte
er.Sie griff ohne zu zögern nach der helfenden Hand, die sofort
zupackte und das Mädchen ohne Mühe emporhob. Geschwind
kletterte Kati über das Schiffsgeländer.
»Willkommen an Bord!«, sagte der Mann freundlich und
schüttelte ihr zur Begrüßung die Hand. »Ich
heiße Joe.«
Sie erwiderte händeschüttelnd den Gruß.
»Mein Name ist Kati«, sagte sie etwas schüchtern.
Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie auf den Planken eines
Segelschiffes stand. Eine neue, unbekannte Welt tat sich ihr auf.
Natürlich hatte sie schon einmal mit ihren Eltern eine Bootsfahrt
unternommen; mit einem Ausflugsdampfer waren sie den Rhein hochgefahren.
Aber dies hier war doch etwas ganz anderes. Kati spürte das
leichte Schwanken des Schiffsrumpfes. Und ein eigentümlicher
Geruch aus Holz, Farbe und Teer drang in ihre Nase. Dieses Schiff
schien zu atmen und war keine leblose stählerne Masse wie damals
der Ausflugsdampfer. Es war ein großartiges Gefühl, das
sie empfand, als sie vorne am Bug der Einhorn stand. Sie konnte
sich leicht vorstellen wie das Schiff mit vollen Segeln durch das
Wasser gleiten würde. Aber die ungewohnte, fremdartige Umgebung
machte sie auch etwas unsicher. Viele Gegenstände an Bord waren
ihr unbekannt. Hilflos und abwartend stand sie da und wagte sich
nicht von der Stelle ...
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